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Als sich im vergangenen Monat die Krypto-Community weitgehend darauf geeinigt hatte, dass eine Kryptowährung, die mit einer umstrittenen Figur zusammenhängt, von den Börsen heruntergenommen werden sollte, war ich erstaunt darüber, dass die Rhetorik der Figur hierfür eine wichtigere Rolle spielte, als die unsolide Grundlage, auf der die entsprechende Währung steht, sowie das geringe Interesse, welches Trader an der Kryptowährung zu haben scheinen. Die Argumentationen liefen in den meisten Fällen auf „wir billigen die Handlungen dieser Person nicht“. Anders ausgedrückt wurde also eine wichtige ökonomische Entscheidung aufgrund von persönlichen und politischen Gründen getroffen. Hier lohnt es sich nun zu prüfen, ob diese Entscheidung sich wiederholen kann oder ob derartige Entscheidungen immer unwahrscheinlicher werden, je weiter sich das Krypto-Ökosystem entwickelt.

In der Blockchain-Welt gibt es mehr Fans als Nutzer

Ich habe schon hunderte Male davon geschrieben und darüber geklagt, dass immer noch kaum jemand Kryptowährungen wirklich als Zahlungsmethode verwendet. Die meisten Kryptonutzer sagen lieber, dass sie ihre Coins halten wollen, da sie noch an Wert gewinnen werden, oder sie wollen sie nur in besonderen Situationen verwenden. Der Markt richtet sich daher meist an diese beiden Gruppen und bietet ihnen Trading und Merchandising an, während richtige Anwendungsfälle nur selten zur Geltung kommen. Dies ist auch der Grund dafür, dass Nutzer sich willkürlich für den Besitz einer Kryptowährung entscheiden, die zwar spekulativ interessant ist, technologisch aber durchaus Defizite aufweisen kann.

Krypto-Unternehmen richten sich also an Trader und Fans, wenn sie Geld machen wollen. Geführt werden diese Unternehmen aber häufig ebenfalls von Personen, die mit dieser Grundeinstellung in die Kryptoszene gekommenen sind. Sie sind ebenfalls Trader und Fans, die ihr Hobby zum Beruf gemacht haben und mit Leidenschaft daran arbeiten. Dies heißt jedoch auch, dass sie sich von diesem Geist leiten lassen, wenn es darum geht Projekte auszuwählen, die sie unterstützen. Hierdurch kann auch erklärt werden, warum bestimmte Projekte aus persönlichen Gründen abgelehnt werden, selbst wenn sie nicht schlechter sind als der Durchschnitt unterstützter Projekte.

Derartige Entscheidungen aus dem Bauch heraus gibt es wahrscheinlich in jeder Industrie. In der „realen Welt“ ist hiermit jedoch ein höheres Risiko verbunden. Wer aus persönlichen Gründen ein Produkt ablehnt und ein anderes, das weniger gut ist, bejubelt, der wird langfristig Verluste machen. Seriöse Investoren würden in der Realwirtschaft nicht mit der gleichen Haltung an Projekte gehen, wie sie dies im Bereich der Kryptowährungen praktizieren.

Kommerzielle Nutzung als Lösung gegen persönliche und politische Entscheidungen

Je weiter der Bereich der Kryptowährungen wächst, desto mehr wird dieses Denken auch verschwinden. Wenn sich herauskristallisiert, welche Projekte verwendet werden und welche im Alltag für Probleme sorgen, dann werden Investoren hiervon Notiz nehmen und dies in ihre Entscheidungen mit einbeziehen. Wer Kryptowährungen untersucht, weil er sie verwenden will, der wird dabei merken, dass sie sich unterschiedlich gut für den Alltag eignen. Für Unternehmen aus dem Bereich wäre es in diesem Fall dann Selbstmord, wenn sie jene Kryptowährungen nicht akzeptieren, die von der Mehrheit der Verbraucher als alltagstauglich angesehen werden.

Heutige Präferenzen legen die Grundlage für die Netzwerkeffekte von morgen

Langfristig werden Krypto-Unternehmen sich an den Wünschen ihrer Nutzer orientieren, doch heutige Entscheidungen, die auf Grundlage persönlicher Präferenzen getroffen werden, haben durchaus einen Einfluss auf die Zukunft. In einem Bereich, der sich als dezentral und Community-orientiert versteht, sind Netzwerkeffekte entscheidend. Ein Projekt, das schlecht funktioniert, aber über eine große Community verfügt, schafft sich dadurch einen Vorsprung gegenüber einem Projekt mit guter Technik aber kleinerer Community. Nehmen wir einmal den Bitcoin als Beispiel: Dieser funktioniert nicht schlecht, verdankt seine Dominanz aber vor allem der Tatsache, dass er die erste Kryptowährung war, wodurch er von dem größten Netzwerkeffekt profitiert, selbst wenn es Kryptowährungen mit ausgefeilterer Technik gibt. Eine Kryptowährung, deren Technik überlegen ist, kann im Vergleich zum Bitcoin heutzutage weiterhin schwerer gekauft und akzeptiert werden.

Die Zukunft dezentraler Währungen ist gesichert. Darüber, wie sie gestaltet wird, entscheidet jedoch dieser momentane Abschnitt der Unreife.